Willkommen bei den Guttemplern in Wedel

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Geht es Dir auch so – wie mir damals?

Ich bin Inge geb. 1941, eine Mitbetroffene und eine Abhängige.

Jahrelang habe ich mich um meine Familie gekümmert, meinen Mann, unseren Sohn, Haushalt, meine Arbeit, eben alles Wichtige. Mein Mann hatte seine Arbeit; - aber sonst? Der Alkohol war ihm wichtig geworden und wir? – unwichtig. Da musste ich mich doch kümmern, zuständig sein.

Ich wurde eine Co-Abhängige.

Das wusste ich damals aber nicht. Jetzt weiß ich es. Ich habe fast alles falsch gemacht, wenn man mit einem suchtkranken Menschen zusammenlebt.

Schimpfen, schon wieder hast du so viel getrunken. Du bist ja besoffen. Mit dir kann ich gar nicht mehr rechnen.

Alles nützte nichts. Von ihm kamen Vorwürfe und Schuldzuweisungen. War ich daran schuld, dass er so viel trank? Was hatte ich schon wieder falsch gemacht? Ja, ich habe Alkohol versteckt, denn für eventuellen Besuch musste doch etwas da sein. Später habe ich seine Verstecke gesucht, Alkohol zum Teil ausgeschüttet oder auch ganz entfernt. Ich kam mir so machtlos vor. Ich hasste den Alkohol, war traurig und enttäuscht. Er musste doch mal wach werden: Halt doch endlich damit auf, du machst dich und uns kaputt. Ich kann nicht mehr, ich ziehe aus; - aber alle Drohungen waren umsonst. Die Angst war da: wie kommt er nach der Firma nach Hause, ist er noch einigermaßen nüchtern, oder betrunken, hat er vielleicht einen Unfall gehabt? Bei mir im Büro wurde ich gegen Feierabend lustig, überdreht, albern (was mir nicht bewusst war). In mir war die Angst: was ist los wenn ich nach Hause komme? –aber das alles durfte keiner merken. Vor unserem Sohn, unseren Nachbarn oder Freunden nahm ich ihn immer in Schutz: Ihm geht es nicht gut, viel Arbeit, Ärger und Stress in der Firma. Ich hatte meinen Tiefpunkt erreicht. In meiner Not, ich war 39 Jahre, machte ich mich auf den Weg und kam über Arzt, Suchtberatung, zu einer Gesprächsgruppe der Guttempler. Dort wollte ich ein Rezept haben, wie ich meinen Mann vom Alkoholtrinken wegbekomme. Mir wurde gesagt: Jeder muss für sich etwas tun, du für dich und dein Mann für sich. „Du musst an dir arbeiten, dich verändern.“ Damals habe ich es nicht verstanden. „Dein Mann ist alkoholkrank, er kann nicht mehr ohne.“ Ich musste lernen zu begreifen, was Alkoholismus ist. Heute weiß ich, dass man so trinkt/trinken muss, wie man es normalerweise nie machen würde. Der Körper braucht den Alkohol, verlangt danach. In der Gruppe fühlte ich mich verstanden. Die Mitbetroffenen sprachen von ihren Problemen, die auch meine waren und die Abhängigen erzählten von sich und es traf zum Teil auch auf meinen Mann zu. Damals dachte ich: Wenn die es geschafft haben, schafft es mein Mann vielleicht auch. Für mich war es kein Problem ohne Alkohol, aber jetzt gab es gar nichts mehr. Ich wollte abstinent leben, sonst hätte ich es als unfair empfunden. Meinen Mann bitte ich aufzuhalten und ich tue es nicht.

Es hat sich keiner hingesetzt und wollte abhängig trinken. Die Abhängigkeit schleicht sich über längere Zeit ein. Vielleicht könnte es mir sonst auch passieren.

Die Guttempler gründeten eine Gemeinschaft, neben der Gesprächsgruppe, in der alkoholfrei miteinander gelebt wurde: Abende mit Suchtthemen, kulturelle Beiträge, Gedichte vorgelesen, Lieder gesungen, Gesellschaftsspiele, Ausflüge, Theaterbesuche und andere Unternehmungen.

Ich war Mitglied geworden, Gründungsmitglied und mein Mann hatte es auch geschafft und 14 Tage nach seiner Therapie war er bei der Gründungsfeier dabei. Er ist seitdem „trockener“ Alkoholiker.

Die Guttempler Gemeinschaft, wo alkoholfreies Leben praktiziert wird und die Gesprächsgruppe, wo wir suchtbezogen mit Problemen umgehen, sind mein Leben geworden. Es war kein einfacher Weg, nein –es war eine harte Schule; aber es hat sich gelohnt. Leben ohne Alkohol kann schön sein. Ich wünsche jedem Betroffenen und Mitbetroffenen, dass er sich auf den Weg macht. Für mich kann ich sagen: Ich habe sehr viel gelernt, lernen müssen; aber jetzt habe ich eine Gelassenheit und Zufriedenheit gefunden.